Dieter Bornemann mit Günther Oberhollenzer

Dieter Bornemann. Familienaufstellung

Dezember 15, 2018

 Eröffnungsrede von Günther Oberhollenzer am 12.12.2018

Bornemann ist ein außergewöhnliches Fotograf. Er hält Alltagsgegenstände wie einen Kaugummiautomaten oder ein altes Radio in digitaler Fototechnik detailreich fest und lässt mit hoher Präzision wie Perfektion daraus skulpturale Objekte bauen, die täuschend echt wirken. Dabei zeigt er uns die Motive in der exakten Originalgröße des abgebildeten Gegenstandes, bisweilen aber auch auf die halbe Größe geschrumpft und auf die doppelte Größe aufgeblasen. Ein einfacher wie genialer konzeptioneller Kunstgriff, denn gerade durch die Variation der Größenverhältnisse wird ein Streben nach dem perfekten Abbild, nach einer Spiegelung von Realität bewusst konterkartiert. Spannend, wie sich die Motive verändern: Der Kaugummiautomat oder das Radio werden in der kleinen Version zum niedlichen Kinderspielzeug, in der Vergrößerung erscheinen sie hingegen mächtig und bedeutungsschwer aufgeladen. 

Bornemann geht aber noch weiter. In der neuen Serie „Familienaufstellung“ wagt sich der Fotograf erstmal auch an die Konzeption von mehrdimensionalen Porträts. Die Künstlerfamilie der Sengls steht dafür Pate: Peter Sengl, Susanne Lacomb und deren Tochter Deborah Sengl. Ihre Köpfe werden von vorne, im Profil, von hinten, von oben und unten in einer Fotosession abgelichtet und die dabei entstandenen Bilder wiederum zu dreidimensionalen Fotoskulpturen zusammengesetzt. So sehen wir drei außergewöhnliche Portraits, in den unterschiedlichen Größen zueinander in Dialog gesetzt, spannungsvoll und irritierend zugleich. „Die“, wie mir erst kürzlich Stefan Sengl sagte, „verschiedenen Seiten der Familie Sengl, mit all ihren Ecken und Kanten“. Wahrlich ganz besondere Charakterköpfe, eindringlich und charismatisch, selbstbewusst und unverwechselbar.

Sind Bornemanns Arbeiten nun Fotografien oder Skulpturen? Oder sind sie beides? Und ist diese Frage überhaupt relevant? In der Vorbereitung für die Rede erinnerte ich mich an den sogenannten Paragonestreitder Renaissancezeit. Um 1500 brach in Italien ein Disput zwischen den Malern und den Bildhauern aus um die Frage, ob in der Kunst der Malerei oder der Plastik der Vorzug zu geben sei. Die Malerei, so argumentierte ihr prominentester Vertreter Leonardo da Vinci, könne Welten erschaffen, deren Wiedergabe der Skulptur versagt sei. Die Bildhauer dagegen beriefen sich auf keinen geringeren als Gott als ihren „Ahnherrn“, der schließlich den Menschen aus einem Klumpen Erde geformt habe. Diese  Frage der Vormachtstellung zwischen zweidimensionalen und dreidimensionalen Werken führte dazu, dass die Künstler über ihr eigenes Medium und die angemessene Darstellung der Wirklichkeit nachdachten. Der Rangstreit machte es auch nötig, über Begriffe wie Plastizität, Volumen und Raum zu reflektieren, die für die Kunsttheorie bis heute von hoher Bedeutung sind. Der Konflikt an sich hat in unseren heutigen Zeit der Intermedialität aber seine Bedeutung verloren.

Gerade auch die Auflösung klassischer medialer Grenzen scheint ein Anliegen von Bornemann zu sein – bei gleichzeitiger Reflexion über Fläche und Raum. Ich habe Fotoobjekte, in dieser Konsequenz umgesetzt, bisher im Bereich der Kunst noch nicht gesehen: ein „Alleinstellungsmerkmal“. Sein Werk sei „der Versuch, mit der Wahrnehmung von Realität zu spielen“, so Bornemann. Der Künstler weiß, dass jede Fotografie ein subjektiver Bildausschnitt auf die Welt ist, unabhängig ob mit dokumentarischem oder künstlerischem Anspruch. Er kennt die verführerischen Möglichkeiten des fotografischen Abbildes gerade auch in Zeiten der digitalen Bearbeitung oder Manipulation, verbunden mit der Frage: was ist hier echt, was nicht? Bornemann erschafft eine geradezu perfekte Illusion einer Steckdose, eines Notfallknopfes oder des schon erwähnten alten Radiogerätes. Wobei das Wort „Illusion“ eigentlich gar nicht so zutreffend ist, versteht man darunter im engen Wortsinn eine Wahrnehmungstäuschung, eine falscheWahrnehmung der Wirklichkeit. Wenn seine Kunst alleine die Wahrnehmung täuschen würde, wäre nur der halbe Weg zurück gelegt. Sie soll, durch bewusste Täuschung, auch unsere Wahrnehmung erweitern, sie schärfen, zum Nachdenken anregen– zum Nachdenken auch darüber, wie wir die Welt der Dinge, die Welt der Kunst, frei nach Walter Benjamin „im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit“erfahren und rezipieren.

Ein faszinierendes Spiel mit Realität(en), eine Aufforderung, über Wirklichkeit und Abbild, Sein und Schein, Original und Kopiezu reflektieren. Wir lassen uns immer wieder täuschen, obwohl wir es besser wissen müssten. Im journalistischen Berufslebensei ihm das Spiel mit Realität und Täuschung verboten, so Bornemann, in der Kunst kann er es hingegen ausleben– ja, ich würde sagen, hier wird es sogar eingefordert. 

Wenn man mit dem Fotografen spricht, dann ist die authentische Leidenschaftfür seine Kunst stets spürbar, ein unbedingtes Wollen, gepaart mit großer Könnerschaftund auch einem Gespür für die handwerkliche Umsetzung. Er vermeidet jegliche optische Verzerrung, indem er die Objekte im geraden Winkel bzw. auf Augenhöhefotografiert. Zur Anwendung kommt dabei eine 50 mm Linse, da diese am ehesten der Wahrnehmung des menschlichen Augesentspricht. Daneben sind die sorgfältige fotografische Ausarbeitungund der präzise Bau der Objektevon essentieller Bedeutung.Durch die High-End-Fotoausarbeitunglässt uns Bornemann auch die Schönheit des Alltäglichenerkennen. Der Fotograf wählt wohl bewusst immer wieder alte, schon in die Jahre gekommene Gebrauchsgegenständeaus, mit denen wir vermutlich manch nostalgische Erinnerungverbinden. Vielleicht ist das auch mit dem Wunschoder der Sehnsuchtverbunden – wie so häufig in der Kunst – einen Moment, einen Gegenstand, einen Menschen festzuhalten, und ihn so der Vergänglichkeit und dem Vergessen zu entreißen.

Das Haptische, Greifbareist wichtig, geht dieses Gefühl in einer zunehmend digitalisierten Weltdoch immer mehr verloren. So haptisch Bornemanns Arbeiten aber auch sein mögen – eine für Fotografie wahrlich außergewöhnliche Qualität und Charakterisierung– sie bleiben Abbild, denn etwa Kaugummi kann man keine herausdrehen, wie meine kleine Nichte neulich ganz enttäuscht bei mir zu Hause feststellen musste. „Das ist kein Kaugummiautomat“, um den Künstler René Magritteleicht abgewandelt zu zitieren. 

Auffällig ist natürlich das Pissoir. Ich muss an Marcel Duchampdenken, der 1917 ein gebrauchsübliches Pissoir ins Museum stellte, es signierte und als sogenanntes ready madezum Kunstwerk erklärte. Bornemann zitiert gerne die Kunstgeschichte, hier also Duchamp, er geht aber den umgekehrten Weg, fotografiert das Urinal vor Ort und möchte, dass das Foto in der Galeriefür das echtegehalten wird. Oder er fotografiert einen Badezimmerspiegelund lässt uns in die Falle tappen, dass wir vergeblich unser Spiegelbildsuchen. Die Kopie wird zum Original.

Neben Reflexionenüber Fake, Abbild und Realität, Fotografie versus Skulpturoder auch das Zitieren der Kunstgeschichte,sind Bornemanns Arbeiten aber einfach auch wunderschöne Werkeund stets mit einem Augenzwinkernversehen. Das zeigt schließlich auch die klassischeFotoserie „a few words“, in der der Künstler nach Wörtern und Sätzen im öffentlichen Raumsucht, Warnschilder, Graffitioder alte Geschäftsbeschriftungenfotografiert und im Alltäglichen, von uns oft Übersehenem, etwas Ungewöhnliches, Heiteres wie Skurriles, vor allem aber auch Sehenswertesentdeckt. Sehenswertwie wahrlich die ganze Ausstellung!

Günther Oberhollenzer ist Kurator der Landesgalerie Niederösterreich in Krems

 

Zur Ausstellung Familienaufstellung

 



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