Kunstbewertung für Einsteiger

Kunstbewertung für Einsteiger

März 24, 2017

“Being good in business is the most fascinating kind of art. Making money is art and working is art and good business is the best art.”
- Andy Warhol

Kunst und Geld: Was ist die Kunst wert und wie wertschätzt man sie?

Beim Kauf von Kunst stellt sich oft die Frage, ob das Kunstwerk den gebotenen Preis wert ist. Eine berechtigte Frage! Immerhin kostet Kunst, besonders die zeitgenössische, nicht wenig. Um die Entscheidung zu erleichtern, biete ich einen Einblick hinter die Kulissen des Kunstmarkts und versuche seine Logik zu skizzieren.

Obwohl es Tabu ist Kunst als Ware zu betrachten, schrieb die französische Adlige Marquise de Sévigné schon 1675, dass Gemälde wie Goldbarren seien und jederzeit für das Doppelte ihres Preises verkauft werden könnten. Der erste Kunstboom fand im 17. Jahrhundert in den Niederlanden statt. Sie waren nicht nur Handelsnation, Weltmacht sondern auch eine gigantische Kunstproduktionsstätte geworden.

Kunst muss man dennoch anders bemessen, da sie keinen "funktionalen Wert" im Gegensatz zu anderer Ware hat. Ein Kunstwerk wird nicht durch seine materiellen Eigenschaften, sondern durch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften zum Kunstwerk. Angesichts der Geschichte ist auch heute zu erkennen, dass die Verbindung von Kunst und Geld kein Mythos ist.

Selbst Salvador Dali sagte: "Alles, was mich interessiert ist Geld".

Offen gesprochen, ist für viele Künstler der finanzielle Erfolg mitunter eines der wichtigsten Ziele in ihrer Karriere. Wenn sie dieses Ziel erreichen, geschieht dies mit ihren Sammlern im Kollektiv. Da sich die Wertsteigerung auf das gesamte Oeuvre überträgt, steigern sich die bereits erworbenen Kunststücke ebenfalls im Wert. Alle Beteiligten sind in einer engen Beziehung verstrickt. Für die Sammler ist es wichtig Künstler zu kaufen, die sich konstant entwickeln, aber auch umgekehrt sind die Künstler auf Sammler angewiesen, die diese Entwicklung mitfördern. Menschen, die Interesse wie Verständnis für ihr Werk haben und sie beflügeln, einen Mehrwert für unsere Gesellschaft zu hinterlassen. Immerhin ist die Kunst von Menschen für Menschen geschaffen!

Aber wie vollzieht man diesen Wertwandel? Die Berechnung des Preises der Kunst verläuft nach einer Bandbreite von Parametern die sich nicht ausschließlich anhand mathematischer Formeln bemessen lässt. Maßgebend sind nicht nur die verwendeten Materialien und die faktische Arbeitszeit, sondern viel mehr der gesamte Schaffensprozess des Künstlers. Das Kunstwerk selbst ist ein materielles Produkt der immateriellen Arbeit, ein Zeitfragment eines Prozesses der wiederum stets andauert. Künstler entwickeln über Jahre eine eigene künstlerische Sprache in der sie sich immer besser ausdrücken können.

Die Lebensgeschichten der Kunstschaffenden beeinflussen ihre Werke. Oft bemessen Sammler Künstler anhand ihrer Lebensläufe. Wenn er/sie auf einer Kunst-Uni studiert hat, dann ist es spannend zu wissen in welcher Klasse und bei wem? Die Kunstausbildung kann prägend für die gesamte Laufbahn sein. Nicht wenige Künstler jedoch beschreiten alternative Wege. Es gibt viele Autodidakten in der Kunstgeschichte die durch Selbststudium die Welt eroberten. Berühmteste unter ihnen sind Vincent van Gogh, Paul Cezanne, Gustave Courbet, aber auch unter den zeitgenössischen gibt es Persönlichkeiten wie Marcel Broodthaers, Francis Bacon, Jean Michelle Basquiat, Andy Warhol und viele mehr.

Einige Sammler wollen beim Kauf wissen, ob der Künstler schon internationales oder regionales Interesse erweckt hat. Ist sie/er in mehreren Galerien oder Sammlungen weltweit vertreten? Ist er/sie immer wieder an Ausstellungen in Museen oder anderen Künstlerinitiativen beteiligt? Hat sie/er sein Engagement unter Beweis gestellt und dafür Förderungen, Stipendien oder gar Auszeichnungen erhalten? Die Antworten auf diese Fragen können die Person hinter dem Werk preisgeben. Viele Künstler bevorzugen es deshalb persönliche Informationen von den künstlerischen Arbeiten zu trennen, um die Arbeiten für sich sprechen zu lassen. Aber auch abseits der herkömmlichen Bewertungssysteme, wie Ausbildung oder Ausstellungen in renommierten Institutionen, kann man sich als Künstler durch Commitment und Initiative auszeichnen.

Selbstvermarktungsstrategien können Künstlern helfen neue Kreise zu erreichen. Jedoch um den Künstlern die Möglichkeit zu geben, sich mit ihrer kreativen Arbeit intensiver zu beschäftigen, hat sich das Metier der Galeristen und Art-dealer etabliert. Ihre Aufgabe ist es die Kunst zu vermitteln und sie in Umlauf zu bringen. Dabei entlasten sie die Künstler und fördern ihr Schaffen. Kreative Prozesse verlaufen oft im Gegensatz zur Logik des Kunstmarkts, deshalb ist es gut dass es diese Trennung gibt.

Spannend zu beobachten ist, wenn Kunstwerke ein Eigenleben abseits des Künstlers entwickeln. Sie wechseln Besitzer, reisen in verschiedene Länder, nehmen an Ausstellungen teil und entwickeln dadurch Relevanz in der Kunstgeschichte. Sie erreichen andere Kreise und kommen manchmal an Orte, die den Künstlern vielleicht sogar verwehrt sind.

Die etablierten und bereits in die Kunstgeschichte eingeschriebenen Künstler, die deshalb auch hohe Preise anführen, haben oft eine aussagekräftige Karriere abseits des Kunstmarkts vorzuweisen. Viele von ihnen fingen klein an. Ein gutes Beispiel ist Gerhard Richter, der seine Arbeiten in jungen Jahren zu niedrigen Preisen verkaufte, die im Laufe seiner Karriere jedoch eine überdurchschnittliche Wertsteigerung erfuhren. Durch niedrige Preise konnte er auf den Markt kommen und diesen für sich weiter ausbauen. 2015 erreichte bei einer Auktion sein "Abstraktes Bild" den Preis von € 41 Millionen. Der Verlauf einer künstlerischen Laufbahn kann daher den Wert der Kunst entscheidend beeinflussen. 

Die Flip Artists, die gehyped in kürzester Zeit stark zirkulieren und hohe Preise erzielen, bilden dabei die Ausnahme. Schnelle preisliche Steigerung übt sich zwar positiv auf den Wert aus, kann aber langfristig ein Risiko darstellen. Die Anerkennung am Kunstmarkt ist für viele ein Ritterschlag, der nicht nur Ruhm, sondern auch Verantwortung mit sich bringt. Hat man einmal eine Preislage erreicht, kann man nicht mehr zurück. Die zuvor verkauften Arbeiten könnten Wertminderung erleiden, deshalb müssen die Künstler und die Galeristen ihre Kunden schützen. Es ist wichtig bei der Preisgestaltung vorsichtig vorzugehen. Achtet man auf das Verhältnis, können alle Involvierten profitieren.

Während anerkannte Größen der Kunstwelt selbstbewusst ihren Preis nennen, haben junge Künstler, besonders am Anfang ihrer Karriere, Schwierigkeiten den richtigen Preis zu ermitteln. Dafür gibt es Richtwerte mit denen man starten kann. Kunststudierende, die oft als Einsteiger auf dem Kunstmarkt auftreten, können auf Empfehlung von Kurator Cornelis van Almsick sich an folgenden Berechnungsmodellen orientieren:

Malerei:

Höhe in cm  +  Breite in cm x  [Faktor]  =  Brutto

Skulptur:
Höhe in cm +  Breite in cm +  Tiefe in cm  x  [Faktor]  =  Brutto

Video:

Minuten  x  [Faktor] = Brutto

Performance:
Pauschal od. pro Stunde

Für Einsteiger in den Kunstmarkt ist der Faktor = 5 zu empfehlen. Bei der Preisgestaltung sollte mitbedacht werden, wie der Preis zu bemessen ist, wenn die Kunststücke in Editionen erworben werden können. Gerhard Richter hatte zu Beginn seiner Karriere sogar den Faktor 4,57 bei seinen Malereien angeführt.

Aber wozu Kunst überhaupt? Kunst ist eine Investition und ein Genussmittel. Der Kunstgenuss kann, sowohl ästhetisch objektiv als auch kritisch und wissenschaftlich sein. Die Kunst selbst äußert sich zu allen Sparten des Daseins. Sie ist diskursiv und reflexiv. Sie schafft es Makro- und Mikrosphären unseres Lebens einander näher zu bringen. Sie kann Zeichen setzen und neue Wege beschreiten. Sie ist genauso Realität wie Illusion und manchmal beides gleichzeitig. Sie hat die Macht uns wachzurütteln, in uns Gedankenprozesse zu evozieren und uns zu verzaubern. Kunst inspiriert, sensibilisiert und macht weltoffen. Sie ist Träger eines kreativen Gedankengutes und Vermittler von Werten. Sie ist ein Medium. Sie hat etwas Magisches.

Die Liste von Funktionen der Kunst und ihrer Bedeutung für unsere Gesellschaft ist endlos.

Manchmal kann sich der Preis eines Kunstwerks rational erklären, oftmals jedoch lässt sich ein Kunstkauf nur durch das Bauchgefühl des Käufers beschreiben. Der Kunstmarkt ist einem ständigen Wandel unterlaufen, der dem aktuellen Zeitgeist folgt. Da die Kunst für den Menschen geschaffen ist, ist die Wirkung nur durch Interaktion möglich. Gehen Sie deshalb in Ausstellungen, finden Sie einen Galeristen ihres Vertrauens, lernen Sie sie Künstler kennen und entdecken Sie die Kunst für sich. Folgen Sie ihrem Herz, um zu erkennen, was der wahre Wert der Kunst für Sie ist.

Anastasia Soutormina auf Basis eines Vortrages von Cornelis van Almsick zum Thema „Kunststück Wertschätzung“, gehalten am 8.3.2017 im ARCC.art Open Space Wien, Kaiserstrasse 76.