Mapping Terrains

Mapping Terrains

Juli 07, 2017

Mapping Terrains

KünstlerInnen:

Robert Bodnar / Tomas Eller / Andrea Ressi / Nicole Six & Paul Petritsch

Kurator: Walter Seidl (Text)

Die Ausstellung Mapping Terrains bezieht sich auf Wahrnehmungsmodelle von Raum, dessen Begehung, Beschreitung, Befahrung sowie in weiterer Folge künstlerische Betrachtung Möglichkeiten von Sichtbarkeit generieren, die gleichzeitig eine gewisse Distanz zum Wahrgenommenen herstellen. Den Ausgangspunkt der künstlerischen Betrachtung bildet die Auseinandersetzung mit Wegstrecken, die aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus unsere Wahrnehmung von Zeit und Raum verschieben. Ob physisch nachvollziehbar oder durch optische Hilfsmittel realisiert setzen sich die KünstlerInnen teils mit astronomischen Modellen auseinander, die nicht nur den Planeten Erde als Atlas heranziehen, sondern das Universum selbst in seiner Konstituiertheit thematisieren. Unterschiedliche Medien – von Malerei, Fotografie bis Video und Skulptur – werden dabei eingesetzt, um Methoden der Land- und Ortsvermessung zu entwickeln, die das Bewusstsein auf verschiedene geografische Bedingungen schärfen. Wie kann der Planet Erde im Kontext unseres Sonnensystems wahrgenommen werden und wie weit stoßen wir als Individuen an die Grenzen dieser Wahrnehmung, die letztendlich nur durch physikalische Gesetze und deren mathematische Berechnungen sowie technische Hilfsmittel erweitert werden können? Diesen und anderen Fragstellungen gehen die KünstlerInnen der Ausstellung nach.       

KünstlerInnen und ihre Arbeiten

Die künstlerische Arbeit von Robert Bodnar setzt sich mit der Auslotung des fotografischen Dispositivs und den Möglichkeiten der Vermessung von Raum und Zeit auseinander. Licht als zentraler Parameter, durch die Sonnenbewegung generiert und fototechnisch festgehalten, spielt hier eine wesentliche Rolle. Die Erforschung eines spezifischen Raum-Zeitkontinuums an einem speziell dafür ausgewählten geografischen Punkt führte zur Entwicklung einer eigenen Kameratechnik durch den Künstler, die über den Tag hindurch 3000 Aufnahmen macht und somit die Licht- und mit ihr einhergehenden Raumveränderungen dokumentiert. Um unterschiedliche Formationen räumlicher Verhältnisse zu untersuchen, ist es für den Künstler erforderlich, dass sich die territoriale Situation konstant verändert, um so auf ortsspezifische Begebenheiten Bezug zu nehmen.

In der Ausstellung zu sehen sind etwa eine 16 stündige Belichtung eines ganzen Tagesbogens der Sonne, der mit einem Fischaugenobjektiv auf einer 4 x 5 Zoll Filmplatte aufgenommen wurde. Die horizontale Videoinstallation „Heliocentric“ wiederum zeigt eine Aufnahme der rotierenden - halbsphärischen - Abbildung eines Tagesverlaufs an verschiedenen Orten in der Stadt und am Land, die als 4K-Videoloop ins Spiel gebracht wird. In den Arbeiten „Clonebrushed Firmament“ arbeitet sich der Künstler an der geometrischen Konstruktion des dem Firmament zugrunde liegenden polaren Koordinatensystems ab. Mit Hilfe des in der digitalen Fotografie ubiquitären Kopierstempel-Werkzeugs verzerrt er die Strenge der geometrischen Konstruktion. Die so entstandene Arbeit wird mit der industriellen Methode der Fotolithografie analog einer gedruckten elektronischen Schaltung in eine feine Kupferschicht geätzt.

In seiner Skulpturenserie „Expandic“ greift Tomas Eller auf physikalische Theorien zur Raumzeit zurück, um sich einer zentralen bildhauerischen Überlegung anzunähern. Wie kann Nichtraum artikuliert werden? Das Penrose-Diagramm, benannt nach dem Mathematiker und Physiker Roger Penrose, welches die Raumzeit-Geometrie in der Umgebung schwarzer Löcher veranschaulicht, diente Tomas Eller als Ausgangspunkt dieser Arbeit. Die gigantischen Energieausstöße schwarzer Löcher werden in „Expendic“ visualisiert. Die Objekte der Serie offenbaren einen Gestus der von einer gewissen Brutalität im Umgang mit dem Material zeugt. Rautenförmige Aluminiumplatten wurden mit verschiedenen Schusswaffen malträtiert. Die Form der Skulpturen referiert dabei auf eine Struktur, die sich auf der Erde als auch im Weltall wiederfindet. Das Grundmuster des Karos geht auf die Veranschaulichung von Lichtstrahlen als 45-Grad Linien zurück, die sich mit der Endlichkeit der Lichtgeschwindigkeit ergibt. Auf der glänzenden Metalloberfläche spiegeln sich die BetrachterInnen und das Geschehen im Raum. Der konkrete Raum sowie der aktuelle Zeitpunkt werden somit Teil der abstrahierten Darstellung einer allgemeinen Raumzeit. (Verena Kaspar-Eisert)

Bei dem Künstlerbuch „Blue Skin“ und den daraus stammenden Abzügen handelt es sich um performative Gesten einer als Expedition wirkenden Aktion, bei der vermessungstechnische Verfahren zur Anwendung zu gelangen scheinen. Die kartografisch anmutenden Erschließungen eines Gletschers verbinden Ellers künstlerische Praxis des Auslotens der materiellen und immateriellen Grenzen von Raum und Zeit.

Andrea Ressi nimmt in ihren Arbeiten eine malereibasierte Strukturanalyse topografischer Komplexe vor, die auf urbane Situationen und deren Amalgam-hafte Architekturzusammensetzungen rekurrieren. Unterschiedliche Städte globaler Natur dienen hierbei als Ausgangspunkt, um die Dynamik bautechnischer Entwicklungen zu untersuchen und die Rasterhaftigkeit von Stadtstruktur oder Gebäudekomplexen in einer malerischen Zeichensprache aufzulösen. Die Auseinandersetzung mit Piktogrammen und deren minimalistischen Symbolik gilt hierbei als charakteristisch für Ressis malerischen Gestus und dessen Definition architektonischer Grundformationen.

Ressi greift die Merkmale neoliberaler urbanistischer Entwicklungen auf und führt diese auf die Grundstrukturen piktografischer Ausdrucksmöglichkeiten zurück. Dass diese Entwicklungen bereits historisch begründet sind, zeigt sich in der „Dymaxion World Map“ von Buckminster Fuller aus dem Jahr 1927, deren netzartige Struktur und Ausbreitung von Ressi verwendet wird um in die einzelnen Dreiecksstrukturen sog. „Microterritories“ einzufügen, die Gated Communites, Shopping Malls, Hafen- und Flughafengelände oder Slums zeigen und dadurch die zunehmende Ausbreitung sowie Austauschbarkeit städtischer Strukturen und die damit einhergehende Verschmelzung urbaner Territorien thematisieren.

Weiters zeigt sie in der Ausstellung eine piktografische Reise zum Wiener Flughafen vom Blick der S-Bahn aus und verweist andererseits auf die global ubiquitären urbanen Strukturen in ihrer Leuchtbox „disposable“.

Die Arbeit von Nicole Six & Paul Petritsch setzt sich mit der Vermessung, Verschiebung und Transformation von Raum auseinander und untersucht geografische Parameter wie auch innerräumliche Dimensionsmomente. Mit ihren Notizen zur Redimensionalisierung des Raumes zeigen die Künstlerlnnen einen Einblick in die Vielschichtigkeit, mit der sie konzeptuelle Raumauslotungen quer über den Planeten vornehmen.

Die unergründlichen Weiten der Erde untersuchten die KünstlerInnen 2004 in der Arbeit „Longitude/Latitude“, als sie den Atlantik Richtung New York auf einem Schiff überquerten und per Flaschenpost im Meer Nachrichten mit Koordinaten wie Datum, Längen- und Breitengrad versandten und die FinderInnen im Sinne einer Erweiterung konzeptueller Mail Art Formationen um Retournierung baten. In der Ausstellung zu sehen ist ein Dialoop dieser Überfahrt.

Das Moment der Expedition findet sich in einem übertragenen Sinn auch in einer sechsteiligen Serie von Zeichnungen von Reiseberichten der Polfahrer Julius Payer, Fridtjof Nansen, Salomon August Andrée (Nordpol) und Ernest Henry Shackleton, Roald Amundsen sowie Robert Falcon Scott (Südpol) wieder. Die Zeichnungen halten die individuelle Reiseroute der einzelnen Polfahrer maßstabsgetreu fest. Bezüge zum Maßstab werden auf andere Art auch in Kugelskulpturen, die die Verhältnismäßigkeiten von Himmelskörpern zueinander symbolisieren, vorgenommen. Weiters zu sehen ist eine Fotoserie mit 24 Stunden Belichtungen, die versucht, einen Tag in einem Bild zu kondensieren und ein gewisses Raum-Zeitkontinuum zu visualisieren.