Le Mal des Fleurs

Le Mal des Fleurs

März 23, 2017

Le Mal des Fleurs
oder von der Sprache der Blumen 

Cut-Outs und modulare Fragmente aus sattschwarzem Papier fügt Birgit Knoechl zu frei schwebenden Installationen zusammen, die an dschungelartige Gewächse erinnern und den Raum mit Durchblicken verstellen. An manchen Stellen bringen ihre wuchernden Gebilde Blüten hervor. Michaela Polacek hingegen lässt zarte Linien wie Wildwuchs über großformatige Blätter mäandern. Die Schnittstelle von Kunst und Natur setzt auch Ismini Adami ins Bild: In den kleinformatigen Close-Ups, die sie im botanischen Garten in Berlin aufgenommen hat, übersetzt sie die Farbenpracht von prallen Knospen, jungen Blüten und Blättern, die im Tau glänzen, in sinnliches Schwarz-Weiß. Die Ausstellung Le Mal des Fleurs evoziert ein Stimmungsbild, indem sie Kunstwerke versammelt, die leitmotivisch auf die Blume als Symbol von Schönheit und Verfall verweisen, und die kulturgeschichtliche Konnotationen von Entstehungs- und Vergehensprozessen auslösen. Charles Baudelaire’s Gedichtzyklus Les Fleurs du Mal dient in diesem Zusammenhang als lose Referenz, die Umkehrung des Buchtitels dient als Ausgangspunkt und zielt eher auf Wahrnehmungssensibilität als auf Subversion.

In kräftigen Farben und mit opulenten Blumenarrangements inszeniert der in Berlin lebende Künstler Lennart Grau in seinen Bildapotheosen die entgegengesetzten Kräfte von Aufstieg und Verfall, Höhepunkt und Depression. Die überbordende Pracht dieser pastosen Malerei bietet sich einerseits dem Genuss an, andererseits  veranschaulicht sie Dekadenz und Überdruss. Die Werke lassen Momente eines hohl gewordenen Pathos erkennen, die den Versuch einer Hypostasierung des Schönen ad absurdum führen. Als Stilmittel und Affektreservoir ist Kitsch mit seinem Hang zur unverstellten Sentimentalität längst in der zeitgenössischen Hochkultur angekommen. In der Aquarellserie Naturgeschichte der artifiziellen Welt dekonstruiert Regula Dettwiler Blumen aus Plastik wie Orchideen, Narzissen und Kirschblüten: sie untersucht die dekorativen Artefakte als wären sie Objekte wissenschaftlicher Analyse.

Viele Arbeiten der Schau widmen sich einer floral-vegetabilen Ästhetik und verweisen direkt oder indirekt auf kulturgeschichtliche Traditionen wie die Vanitasthematik des Barock (Corinne L. Rusch), die Melancholie der Romantik (Philipp Hanich), den Ennui des Fin de siècle (Spencer Chalk-Levy) sowie die Todessehnsucht der Gothic-Bewegung. Sie exemplifizieren ein Oszillieren zwischen Leben und Tod. So fungiert der Totenkopf als motivisches Pendant der Blume und verkörpert ein kulturübergreifendes Symbol, das der Mexikaner Enrique Fuentes in der Catrina-Serie, les tardes goldscheyder in der Assemblage Tausend Rosen und die Japanerin Haruko Maeda in ihren preziösen Bildern darstellen. Künstler und Künstlerinnen machen stilgeschichtliche Anleihen und/oder zitieren historische Techniken, die sie in eine aktuelle Formensprache übersetzen. So stilisieren Timotheus Tomicek und Marc-Alexandre Dumoulin Blumen im biedermeierlichen Ornament, in der vertrockneten Schönheit eines Blumenstraußes, in Stillleben und natürlichen Sehnsuchtslandschaften. Das ovalförmige Trompe l’Oeil Foliage, das den Blick nach oben, ins Firmament lenkt, stellt eine Symbiose von Himmelsgewölbe und schützendem Blätterdach dar. Es verhandelt das In-der-Welt-sein zwischen Immanenz und Transzendenz. Letztendlich soll der Betrachter seinen Platz ähnlich wie die Dargestellten in Le Mal des Fleurs, deren Augen wie in Zuversicht verbunden oder wie im Selbstporträt durch ein Blumenarrangement unkenntlich gemacht und generell endindividualisiert sind, in der poetischen Innenschau finden.

Angela Stief
Kuratorin der Ausstellung Le Mal des Fleurs