The Nocturne of Alicante

The Nocturne of Alicante

Mai 16, 2018

In der Bastei 10 bei Marco Simonis zeigt ARCC.art neue Arbeiten der in Wien lebenden Künstlerin Birgit Graschopf. Die jüngste Fotoserie The Nocturne of Alicante ist Teil des weitreichenden, schon 2015 begonnenen Werkzyklus Geister und dem klassischen Thema des Nachtstücksgewidmet, welches sich besonders in der Renaissance und der Romantik großer Beliebtheit erfreute, wobei dieses nun neu interpretiert und um den Aspekt des Performativen erweitert wird. Es handelt sich dabei um Langzeitbelichtungen bei Nacht, in denen sich die Künstlerin selbst inszeniert mit Belichtungszeiten von 5 Minuten bis zu fünf Stunden.

Vergangenen Winter verbrachte Graschopf mehrere Wochen in Alicante / Spanien und dessen Umgebung an der Küste. Diese ist in den Sommermonaten sehr belebt und zieht viele Besucher an, während sie in der Winterzeit, in der diese Arbeiten entstanden sind, verlassen wird. Leergefegte Gassen, weitläufige Promenaden und Strände, eine Plakatwand, die noch die Ereignisse des vergangenen Sommers in Form von zerrissenen Postern ankündigt machen die Abwesenheit sichtbar, die Spuren der Hochsaison sind in jedem der Bilder präsent. Der verlassene Ferienort im Winter ist Sinnbild und kongruentes Setting für Birgit Graschopfs Fotografien. Denn die transparent erscheinende, geisterhafte Figur im Bild wirkt wie ausgelöscht oder verwischt, ist einmal mehr, einmal weniger fassbar. In einem Wechselspiel zwischen Sichtbarem und Nicht-Sichtbarem und der Gleichzeitigkeit von An- und Abwesenheit des Bildgegenstandes bewegen sich Birgit Graschopfs nächtliche Inszenierungen. Unvermeidbare Bewegungen des Körpers während der langen Belichtungszeiten stören den Prozess der fotografischen Einschreibung und führen zu Unschärfe und eine Art Durchsichtigkeitder Figuren. Man fühlt sich an frühe Daguerrotypien erinnert. Diese geisterhaften Spurenveranschaulichen auf eindringliche Weise den in der Fotografie stattfindenden Prozess der Einschreibung, wie ihn der Begriff selbst verdeutlicht Photo-graphie, das Schreiben mit Licht. Durch die Belichtung auf opakem Material wie Schleifpapier oder der Wand selbst wird dieser Effekt an der Bildoberfläche noch verdichtet und führt zu unerwarteten Ergebnissen. Die von Roland Barthes beschriebene geisterhafte Präsenz wird hier buchstäblich zum Bildmotiv.

Mit Passeggio und Fishermen greift Birgit Graschopf die Gesten des Zeigens und Verbergens erneut auf und übersetzt die technische Einschreibung der Fotografie in ein anderes Medium. Es handelt sich um händisch mit Grafit geschwärzte Papiere. Die Konturen der Motive werden aus dem Bildträger buchstäblich herausgearbeitet und erlangen ihre Sichtbarkeit erst durch die Verletzungbzw. Wegnahme des Materials, nämlich in Form von Nadelstichen, deren Perforierungen an Bildpunkte in digitaler Fotografie erinnern. Diese eigensinnige Form der materiellen Bildwerdungfindet ihre Entsprechung in dem vervielfachten und multiperspektivisch dargestellten Motiv der dunklen Passage, an deren Ende Licht ist, sowie der Widerspiegelung des Lichts im Meer, vor dessen Horizont zwei Fischer in einem Konvolut aus Angelschnüren auftauchen. In Korrespondenz zu den opaken Schleifpapierarbeiten verstärkt die reflektierende Oberfläche des Grafits den flüchtigen Charakter der Zeichnung. Die beiden Bilder erfordern die Interaktion und die körperliche Bewegung der Betrachter_innen, um überhaupt sichtbar zu werden.

Georgia Holz