Wie viel Biografie braucht die Kunst?

Wie viel Biografie braucht die Kunst?

August 29, 2018

Ausstellungeröffnung "Soshana. Reisen durch die Zeit 1943 – 2012"
Bilder und Zeichnungen

Wie viel Biografie braucht die Kunst?

Eröffnungsrede des Historikers Dr. Robert Streibel
Galerie ARCC·art, 28.8.2018

Die Einladung einige Worte zur Ausstellung von Soshana zu sagen ist ein leichtes Unterfangen. Das enttäuscht sie jetzt, denn Redner betonen doch immer wie schwierig es war, wie viel Arbeit es gekostet hat und ich sage nur, es war ganz einfach. Doch lassen sie sich nicht täuschen. Einfach ist es deswegen,  weil ich so Unglaubliches zu erzählen habe, dass alleine schon die Aufzählung beeindruckt und beindrucken muss, beeindrucken wird. Ich würde sie schwindlig reden alleine mit der Nennung von Ländern und Orten und natürlich Namen im Zusammenhang mit Soshana.
 
Also Orte, Länder, in denen Soshana nicht gereist ist, sondern wo sie gelebt hat.  Und die Namen?  Das sind keine Freunde wie wir sie heute in Sozialen Medien zu haben pflegen, sondern Begegnungen, Freundschaften, Arbeitsbeziehungen, Liebschaften inbegriffen. Diese summarische Präsentation würde mehr als die Hälfte meiner Rede in Anspruch nehmen, wenn ich mein Vorhaben akribisch umsetzen würde. Die Nennung entspricht eine Chronologie.

Soll ich es versuchen?

Wien, Schweiz, England, London, New York, San Francisco, Chicago, Kuba, Havanna, Holland, England, Polen, Tschechoslowakei, wieder Österreich, dann Paris, New York, Peking, China, Indien, Thailand, Kambodscha, Japan, Lambaréné in Gabun, Antibes, in Südfrankreich, Mexiko, Südsee, die Karibik, Thailand, Bali, Australien, Indien, Sikkim, im Nordosten Indiens, an der Grenze zu Bhutan, Tibet, Nepal, Afghanistan, den Iran und Israel, wieder New York und dann Wien.

Also wie gesagt keine Urlaubsreisen, sondern gelebt und gearbeitet hat sie in diesen Ländern und Städten.

Und wen hat sie dort getroffen: Thomas Mann, Arnold Schönberg, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, ihn hat sie als 17jährige gezeichnet, während ihr MannBeys Afroyim die Totenmaske abgenommen hat, Otto Klemperer, Bruno Walter, Theodore Dreiser und Hanns Eisler. Da wäre dann noch Wassili Wassiljewitsch Kusnezow, der stellvertretenden Vorsitzenden des Staatlichen Plankomitees der UdSSR.

Zurück in Wien hat sie 1951 bei Sergius Pauser, Albert Paris Gütersloh und Herbert Boeckl an der Akademie studiert, dann ist sie nach Paris gegangen und hat das Atelier von Paul Gauguin bezogen.

Dann kommen da noch der deutschen Maler, Graphiker und Bildhauer Max Ernst, der amerikanische Bildhauer Alexander Calder, der Philosoph Jean-Paul Sartre, der Bildhauer Alberto Giacometti, Pablo Picasso, Albert Schweitzer, die mexikanischen Künstler Rufino Tamayo, David Alfaro Siqueiros, José Luis Cuevas und Mathias Goeritz, der amerikanische Vertreter des abstrakten Expressionismus Adolph Gottlieb und das sind bei weitem nicht alle.

Eine besondere Frau. Und doch „Überall alleine“ so hieß auch der 45-minütige Dokumentarfilm der über die Malerin Soshana.
Eine Weltensammlerin, wie es auch in einem Buch über sie hieß.

Begonnen hat alles in Wien und ihre Ausbildung hat sie in der Schwarzwaldschule bekommen, das ist die legendäre Schule von Eugenie Schwarzwald in der Herrengasse, in der Kinder wie Menschen behandelt wurden und das bereits lange vor dem Ersten Weltkrieg. Langeweile ist Gift hat „Fraudoktor“ wie die Reformpädagogin auch genannt wurde, gemeint. Bevor Soshana dort in die Schule ging, hat dort auch Oskar Kokoschka unterrichtet. Es gab mit ihm nur ein Problem, er hatte keine Lehrbefugnis. Das Ministerium stört das natürlich und so wird die Schwarzwald ins Ministerium zitiert. Auf die Vorhaltungen hat sie nur gemeint. „Aber der Kokoschka ist doch ein Genie“. Worauf der Beamte erwiderte. „Genies sind im Lehrplan nicht vorgesehen.“ In der Schwarzwaldschule war das jedoch anders. 

Selbstbewusstsein für junge Mädchen, ein Fach, dass auch lange nach dem zweiten Krieg nicht überall gelehrt wurde, stand dort auch damals schon auf der Tagesordnng. In die Schwarzwaldschule kann man die Mädchen nicht schicken, da werden sie aufmüpfig hat es auch geheißen. Wenn man das Leben von Soshana betrachtet könnte das doch stimmen, zumindest selbständig.

Mit Eugenie Schwarzwald verbindet die 1927 geborene Susanne Schüller, wie sie mit bürgerlichen Namen hieß, einiges – rückblickend betrachtet.

Beide mussten vor den Nazis fliehen, weil sonst nur eine Zukunft in den Gaskammern auf sie gewartet hätte und so viele unglaublichen Begegnungen Soshana in ihrem Leben hatte, so viele klingende Namen aus vieler Herren Länder – eine komische Formulierung – aber lassen wir das, finden sich auf der Gästeliste des Salons von „Fraudoktor“. Eugenie Schwarzwald starb im Exil 1941 in der Schweiz. Soshana kehrte nach vielen Reisen nach Wien zurück.  

Die Zeit in der Schwarzwaldschule hat Soshana geprägt, wenn auch Otto H. Ressler in seinem Künstlerroman über Soshana den Alltag in der Schwarzwaldschule keineswegs als so frei und beflügelnd schildert.

„In unseren weißen Kleidchen kerzengerade in einer Reihe stehend, mussten wir die Prinzipien Eugenie Schwarzwalds vom ersten Schultag an, ehe er richtige Unterricht begann, aufsagen: „Gewaltfreiheit, Förderung der Phantasie und Gestaltungskraft, freie Entfaltung des Kindes.“ Wir hatten natürlich keine Ahnung, was das bedeutete. Wer aus der Reihe tanzte und nicht mit dem nötigen Ernst mitmachte, machte freilich sehr schnell mit dem Lineal der Lehrerin Bekanntschaft – Gewaltfreiheit hin oder her.“ (Otto H. Ressler:  Soshana: Weltensammlerin. Ein Künstlerroman)

Ich gebe zu, dass ich verwundert war, als ich das las, denn in meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Reformpädagogin war ich auf vieles,  aber diese „Realität“ nicht gestoßen.
In einem Gespräch mit dem Autor fragte ich ihn, welche Belege es für diese Aussage gäbe? Und er musste zugeben, dass er das nur erfunden habe, weil es so gut gepasst hat. Das nur als Anmerkung. Das will ich nicht weiter kommentieren. Aber es ist für mich klar, dass es auch Tote vor inkriminierenden Aussagen geschützt werden müssen.   

Wie viel Biographie braucht die Kunst, so heißt der Titel meiner kurzen Rede.

In den letzten Jahren haben wir viele Beispiele vor Augen geführt bekommen - und nicht erst seit #MeToo -, wo nicht die Kunst, sondern die Biographie als Maßstab zur Bewertung angesetzt wurde. War es früher der politische Stempel, zB, Kommunist, der Brecht in Salzburg verhindert hat, waren es diverse Süchte oder der Lebenswandel, die zum Boykott von künstlerischen Werken geführt haben.

Brauchen wir die Biographie um die Kunst einordnen zu können?

Im Fall von Soshana gibt es eine Entscheidung, die sie in ihrem Leben getroffen hat, die würde bei keinem Mann eine Erwähnung finden.

„Etwas Künstlerisches zu erschaffen, bedeutet sich aufzuopfern. Man bezahlt mit seinem Glück. Ein hoher Preis. Gerade für eine Frau ist es sehr schwierig. Es bedeutet sich vollkommen zu unterwerfen. Wie kann man das, wenn man Familie und Kinder hat. Ich sehne mich so nach meiner Familie, nach meinem Mann und meinem Sohn Amos. Was geschehen ist, bricht mir das Herz. Ich bin so traurig und einsam, dass ich dafür keine Worte habe. Nur Farbe und Leinwand.“

Sie hat sich der Kunst gewidmet, ist nach Paris gegangen und ihren Sohn zurückgelassen.

Man kann sich hier als Vortragender mit vielen Orten, Ländern aber auch Namen versuchen wichtig zu machen, aber am Ende ist man kleiner als vorher und das macht auch den Reiz dieser Rede für mich aus. Ich bin fast sicher Rudi Leeb von der Galerie ARCC.art hat mich deswegen gebeten hier zu sprechen.

Reden sind immer auch Bekenntnisse, heute heißt das Outing. Jetzt ist Zeit dafür, denn ich habe Soshana in Wien getroffen und ich habe sie nicht erkannt.

Durch mehr als zehn Jahre habe ich Treffen für ehemalige Schwarzaldschülerinnen in der Wiener Urania organisiert. Zwei, drei Mal im Jahr haben sich durch zehn Jahre hindurch die ehemaligen Schülerinnen getroffen, und wenn jemand aus dem „Exil“ oder der neuen Heimat nach Wien auf Besuch kam, dann stießen die Besucherinnen dazu aus Schweden, aus Kolumbien aus den USA.

Bei einem Treffen kam eine Frau, bunt und auffällig gekleidet, groß, kurze schon graue Haare, mit einem bunten Tuch umschlungen. Ich habe sie nicht sofort verstanden und sie hat von Picasso und Ernst, von Amerika und Mexiko erzählt, so nebenbei.

Damals, es wird so Ende der 90er Jahre gewesen sein, war nicht nur ich, sondern auch einige ehemaligen Schülerinnen waren etwas verunsichert. Kann das wirklich alles stimmen?  Haben wir uns verhört? Der Name Soshana hat mir damals nichts gesagt.

Kein Wunder, denn Soshana war erst 1985 nach Wien zurückgekehrt und trotz ihrer internationalen Bekanntschaft hatte sie hier nur schwer Fuß gefasst. Doch das Unglaubliche geschah, sie musste nicht warten bis sie tot ist, bevor sie geehrt wurde. Ihr Sohn Amos hat sich um sie und ihre Werke angenommen und Ausstellungen organisiert, Bücher sind erschienen, Filme wurden gedreht und sie erhielt 2009 das Goldene Verdienstzeichen der Stadt Wien und ein Jahr später das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Ihr gesamter Vor- heute Nachlass ist in der Nationalbibliothek zugänglich und heute haben wir hier die Möglichkeit, 45 von zentralen Werken dieser Kosmopolitin in der Galerie ARCC.art zu sehen.

Angelika Bäumer hat es in ihrer Laudatio bei der Ehrenkreuz-Verleihung treffend formuliert:
„Von Wien in die Welt und wieder zurück nach Wien. Nach Außen mag dieser Kreis allerdings geschlossener sein, als nach Innen. Denn der Verlust der Heimat, noch dazu ein erzwungener, ist ein endgültiger. Nie mehr kann das Selbstverständnis der angeborenen und eingeborenen Heimat wiederhergestellt werden.“

Der Kreis für jene, die ins Exil getrieben wurden, die fliehen konnten, wurde nie wieder rund, bei nicht wenigen haben auch die äußeren Kräfte in der ehemaligen Heimat alles darangesetzt, dass dieser Kreis nicht mehr rund wird.

Zumindest geehrt wurde Soshana noch zu Lebzeiten. Leider keine Selbstverständlichkeit in diesem Land.

Mehr über Eugenie Schwarzwald und ihre Schule

Robert Streibel (Hg.) Das Vermächtnis der Eugenie.Gesammelte Feuilletons von Eugenie Schwarzwald 1908-1938. Löcker Verlag 2017, 288 Seiten  € 24,80.

Robert Streibel, geboren 1959, Direktor der Volkshochschule Hietzing in Wien, Historiker. Realisierung verschiedener Gedenkaktionen in Niederösterreich und Wien, Publikationen über NS-Zeit, Widerstand, Exil und die Sozialreformerin Eugenie Schwarzwald. Zuletzt erschienen: April in Stein, ein Roman über das Massaker im Zuchthaus Stein am 6. April 1945, und Der Wein des Vergessens, ein dokumentarischer Roman über die verdrängte Geschichte der Winzergenossenschaft Krems. Herausgabe der Erzählung Bora von Louis Mahrer über den Widerstand zweier Wehrmachtssoldaten in Serbien.

robert.streibel@vhs.at